Lied

Im Gedicht schaut das Ich dem inneren Ich ins Auge. Der einsame Dialog zwischen Singstimme und Klavier führt diesen Blick noch tiefer, ehrlicher, erbarmungslos intim.

Dies sagte ich zu Inge Lübbers, als sie mir einen Teppich für vier Liederabende ausrollte, in denen ich mich austoben durfte: „Große Kunst der kleinen Form“ (2022). Sie und ihre Frau Marita Michalke hatten oft Konzerten gelauscht und dann für eine ganze Serie das Management übernommen. Mit wechselnden Begleiter:innen kamen Lieder von R. Schumann über G. Mahler, H. Berlioz und C. Debussy, F. Liszt, J. Brahms und A. Dvorak bis zu einem Programm mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts zu Gehör.

Im Studium in Amsterdam war ich unter den Lehrenden auf solch leidenschaftliche Kenner des vor allem deutschen und französischen Kunstlieds und seiner Interpretation getroffen, was alles zuvor in Deutschland Aufgenommene übertraf, ich möchte vor allem Margreet Honig und Rudolf Jansen nennen. Ich saugte Details auf, die mir durchschlagend bleiben für das Verständnis dieser musikalischen Kleinform. Mit ersten Lied-Programmen probierte ich mich im Amsterdamer Ingatiushuis, Bethanienklooster und der Witte Kerk. Feste Zusammenarbeiten entwickelten sich, zurück in Deutschland, mit Polina Medyulyanova, Matthias Wengler, Sybille Hempel-Abromeit.

Polina Medyulyanova

Am Ende meiner Studienzeit in Amsterdam wurde ich von der Komponistin und Pianistin Polina Medyulyanova aufgesucht, die für ihre Liedvertonungen vor allem R. M. Rilkes eine deutschsprachige Mezzosopranistin suchte. Wir arbeiten seither trotz räumlicher Distanzen zusammen und treten mit einem üppig gewachsenen Repertoire auf: immer wieder mit Medyulyanovas Liedzyklen auf Rilke-Gedichte, gefolgt von R. Schumanns Zyklen, Liedern von G. Mahler, C. Debussy, F. Poulenc, R. Strauss, W.E. Korngold, A. Berg, A. Webern u.a.

Höhepunkte der Zusammenarbeit bilden Konzerte in der Fondation Rilke in Sierre/ Schweiz, im Christophorussaal in Unser Lieben Frauen Bremen, im Schumannhaus Bonn, in der Ev. Trinitatiskirche Bonn und vielen Sälen im niedersächsischen Raum.

NEIGET EUCH LEIS UND LIND

In der jüngsten Zeit begeisterte das Programm NEIGET EUCH LEIS UND LIND – Ein Liederabend zum Advent; vom mittelalterlichen Gesang bis zu moderner Komposition.

Aus verschiedenen musikalischen Blickwinkeln beleuchten die Musikerinnen in ihrem abwechslungsreichen Programm die Weihnacht. Der geistliche Fokus klingt im gregorianischen Choral und den barocken Oratoriums-Arien. Die Tradition deutscher Hausmusik für Familien wird in den Liedern von Peter Cornelius lebendig. Das Programm wird durchbrochen von tänzerischen Weisen aus frühchristlicher französischer Tradition, englischen Carols und amerikanischen Folksongs. Bei Johannes Brahms klingt das Thema der christlichen Geburt auf einer emotionalen, vermenschlichten Ebene, während Maurice Ravel ein impressionistisches Bild einer Emaille-Krippenszene zu Klang tranformiert.

STARK IST DEIN LEBEN, DOCH DEIN LIED IST STÄRKER

Im Braunschweiger Kulturraum Blau-Wal wurde 2026 erstmals das Programm „STARK IST DEIN LEBEN, DOCH DEIN LIED IST STÄRKER (R. M. Rilke) – Das Kunstlied im Aufbruch“ gegeben mit sechs Zyklen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch logische und innere Verbindung haben: C. Schumann, G. Mahler, W.E. Korngold, A. Webern, P. Dessau, P. Medyulyanova.

Die Künstlerinnen laden mit ihrem Programm zu einer Zeitreise ein und präsentieren das romantische Kunstlied und seine Transformation innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte. Die Reise beginnt mit den sinnlich klangvollen Liedern Clara Schumanns und führt zu Gustav Mahlers Rückert-Liedern, in denen persönliche Sinnsuche und religiöse Gefühle des Komponisten zum Ausdruck kommen. Spätromantische Lieder von Erich Wolfgang Korngold sind durch Freiheit der Form und seine Interpretation der Poesie geprägt. Zeitlich zwar etwas älter, aber musikalisch weit moderner erklingt Anton Weberns Liedzyklus (Gedichte von Stefan George), der unter dem Einfluss der Wiener Schule entstand und ohne das bis dahin gewohnte tonale Zentrum auskommt. „Da sind es wohl die lyrischen Bilder, die ihn dazu bewogen haben, von dieser wie mit einem klanglich spitzen Stift skizzierten Gestaltung der Melodiezeile abzugehen, die ein wenig an Paul Klee erinnert. (Helmut Hofman, 2016). In vollem Kontrast dazu klingen die humorvollen, volkstümlichen Liebeslieder Paul Dessaus auf Texte von Bertolt Brecht. Zum Schluss lässt die Komponistin Polina Medyulyanova in ihren Vertonungen Rainer Maria Rilke sprechen, von dem Adelheid Nießen 2001 sagt, er wende sich „mit Liebe und Bewunderung den Dingen dieser Welt zu“, gebe sich „ihnen hin in einer unerhörten Ausschließlichkeit, verdichtet das Erfasste, Verinnerlichte in Sprache und schenkt es weiter an alle, die hören können“.

Matthias Wengler

Mit dem Kirchenmusiker, Allroundmusiker und Pianisten Matthias Wengler verbindet mich eine lange Lied-Kooperation mit höchst abwechslungsreichen Programmen: Schubert-Liederabende, ein Liederabend Les nuits d’été (H. Berlioz), ein programmatischer Abend zum Thema Wasser; ein Programm mit Liebesliedern, eins mit Volksliedern und eins mit Abend- und Wiegenliedern, jeweils unter Einbeziehung des Publikums, ein szenischer Opern-Abend und ein ebensolcher Disney-Abend, ein Konzert mit Lesung über Komponistinnen und mehr.

Sybille Hempel-Abromeit

Eine lange Zusammenarbeit verband mich mit Sybille Hempel-Abromeit, deren Höhepunkte zwei Konzertreisen nach England bildeten: eine führte nach Suffolk (auf den Spuren B. Brittens), Mittelengland und Wales, die andere zum Michael Tippett-Centre an der Bath Spa University und nach London. Wir gaben deutsches und englisches Lied (E. Elgar, R. Quilter, R. Vaughan-Williams, B. Britten, M. Tippett) und im zweiten Fall als Aufhänger der Reise die Uraufführung der „Year Songs“ des Komponisten, Musikpädagogen, Head of Research (Guildhall School of Music and Drama London) George Odam (1938-2022).

In einem Konzert im Herzog Anton-Ulrich-Museum Braunschweig 2019 boten wir zusammen mit dem Schauspieler Götz van Ooyen einen passgenauen Spiegel zur Ausstellung „klaidungsbuechlin“ des Matthäus Schwarz. Als der Lehrplan Heinrich-Heine-Vertonungen für die Oberstufe verordnete, entwickelten wir dazu eine Live-Präsentation, die zu einer Tournee an Gymnasien und Gesamtschulen Niedersachsens anwuchs. Gesprächskonzerte für die Studienstiftung des Deutschen Volkes an der TU Braunschweig, mehrere Benefizkonzerte für amnesty international, projektweise Zusammenarbeiten etwa mit Ann Schneidt (Viola) vom Gärtnerplatztheater München oder dem Braunschweiger Marc Fiedler (Bariton) oder unterhaltsame Wandelkonzerte für Seniorenheime im Zeichen der Pandemie zeugen von der Vielseitigkeit dieser Zusammenarbeit.

Audio

E.W. Korngold: Desdemona's Song, op. 31 (Konzert)
M. de Falla: Polo, Siete Canciones (Probe)
M. Ravel: Là-bas, vers l'eglise, Cinq Mélodies (Probe)